Die zwei Seiten der Medaille…

Unlängst stolperte ich im Guardian über diesen Artikel. Ein Artikel in dem behauptet wird, die Gewinner von Literaturpreisen gewännen zwar ein breiteres Publikum, davon würden aber weniger Leser den Roman als empfehlenswert einschätzen. Warum ist das so? Nun ja, laut des Guardian, weil der Gewinn und die damit verbundene Werbung für das Buch auch so manchen Leser dazu greifen lassen, der es sonst nie in die Hand genommen hätte. Als ich den Artikel las, fragte ich mich zwangsläufig, ob mir das ebenfalls schon einmal so passiert ist und musste leider zu dem Schluss kommen, dass ich mich oft von den Lorbeeren beeinflussen lasse, die ein Buch einheimst bevor es bei mir einzieht.

So habe ich schon ein paar schöne Bücher entdeckt, aber eben auch einige Nieten gezogen und mich im Nachhinein gefragt, warum nun gerade dieser oder jener völlig nichtssagende Roman für den Booker Preis nominiert war. Diese Erfahrung führt zwangsläufig dazu, dass ich an meiner eigenen Einschätzung des Romans zweifle und mir unterstelle die Sternstunden der Handlung nicht erkannt zu haben. Schließlich war die Jury eines renommierten Literaturpreises geradezu begeistert von diesem Werk, dem ich nun nicht viel abgewinnen kann. Für den Autor ist dies natürlich ebenfalls schade. Denn sein Preisgeld dürfte nur kurz darüber hinweg trösten, dass die Bewertungen seines Romans immer schlechter ausfallen, weil die falschen Leser zum Buch greifen und anschließend ihren Frust in den Äther schreiben.

Lese-Projekte wie das letztjährige “5 lesen 20″ finde ich immer wieder interessant. Doch sind mir die Zuschauerränge an dieser Stelle wohl lieber, als mich durch eine Leseliste zu arbeiten, die letztlich nicht die meine ist. Denn da sind Fehlgriffe vorprogrammiert. Ich erinnere mich auch an die vielstimmige Enttäuschung über das neuste Buch von Nadine Gordimer, im Jahr davor, die seit dem Nobelpreisgewinn wohl in viele Leselisten aufgenommen wurde und dort nun nicht bestehen kann. Denn Preise lösen kleine bis mittelschwere Hypes aus. Und auch wenn diese in den Augen der Jury auf der Qualität des Materials, und nicht etwa auf dem Mist irgendeines Marketingmenschen, gewachsen sind, wecken sie doch Neugier. Sie locken Leser zum Buch, die einfach mal wissen wollen, was an dem Buch so toll ist und im schlimmsten Fall zu der Meinung gelangen, dass an dem Buch einfach gar nichts toll ist.

Dann gibt es natürlich auch noch die Autoren, die Literaturliebhaber schon seit Jahren kennen, so zum Beispiel Alice Munro oder George Saunders. Welche die breite Masse aber bisher eher umschifft hat. Ihre Kurzgeschichtenbände fanden sich vor dem Preisgewinn in den Regalen der Leser, die ohnehin schon gerne Kurzgeschichten lasen. Nun trägt das Werk dieser Autoren dazu bei unbedarfte Köpfe und Herzen für dieses Genre zu gewinnen. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis immer mehr Leser begeistert und gerührt Buchdeckel zuklappen sehe, dann wird mein innerer Zweifler ganz kleinlaut. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass man sich nicht aus Prinzip durch Shortlists und der gleichen lesen sollte. Doch ein Preisgewinn kann auch einen begabten, aber bisher wenig gelesenen Autor exponieren und damit seinen Zweck über das finanzielle hinaus mehr als erfüllen.

Und nun zu Dir… Liest Du Bücher aufgrund von Preisgewinnen? Hast Du so schon einmal eine Enttäuschung erlebt? Oder hast Du so vielleicht ein Lieblingsbuch entdeckt, das Du sonst nie gelesen hättest?

Ich freue mich darauf zu erfahren, was Du zu diesem Thema denkst :)

(Rezension) Grosser Bruder von Lionel Shriver

“Grosser Bruder” ist der vierte Roman der amerikanischen Autorin Lionel Shriver, in deutscher Übersetzung. Shriver, die eigentlich Margaret Anne mit Vornamen heißt, wurde 1957 im US-Bundesstaat North Carolina geboren. Sie studierte an der renommierten Columbia University und arbeitete nach ihrem Abschluss unter anderem als Journalistin. Ihr Roman “Wir müssen über Kevin reden”, eine kontroverse Auseinandersetzung mit Mutterschaft, machte sie international bekannt. In ihrem neusten Roman verarbeitet sie nun den Tod ihres älteren Bruders, der, wie Hauptfigur Edison, unlängst seinem extremen Übergewicht zum Opfer fiel.

produkt-9646“Pandora war immer nur die kleine Schwester. Ihr Bruder Edison, der geniale New Yorker Pianist, stand von Anfang an im Vordergrund und würde irgendwann ganz oben stehen, da waren sich alle sicher. Als er nun Pandora und ihre Familie im ländlichen Iowa besucht, muss sie erschreckt feststellen, dass der bewunderte große Bruder sich nicht nur in der Lebenslüge vom erfolgreichen Musiker eingerichtet hat, sondern inzwischen über 150 Kilo wiegt. Vor allem die Spannungen zwischen Edison und ihrem Mann Fletcher nehmen mit jeder Mahlzeit, mit jedem Gespräch über Disziplin und maßvolles Leben zu. Statt ihn rauszuschmeißen beschließt Pandora, Edison einer radikalen Diät zu unterziehen. Sie zieht mit ihm von zu Hause aus, um sich ganz diesem Ziel widmen zu können. Aber Fletcher weigert sich, Pandoras Plan zu unterstützen – und sie begreift, dass sie nur eines retten kann: ihre Ehe oder ihren Bruder.” (Grosser Bruder, Klappentext)

Während der Lektüre dieses Romans gingen mir viele Dinge durch den Kopf. Wie könnte es auch anders sein, macht er sich doch ein heikles Problem zum zentralen Thema. In Deutschland, bzw. Kontinentaleuropa hat extremes Übergewicht zwar noch Seltenheitswert. Doch die Lektüre dieses konfliktbeladenen Romans lohnt sich trotzdem. Wenn auch nur zur persönlichen Abschreckung vor dem zweiten Stück Kuchen. Oder einfach, weil es das Leserherz nach einem guten Roman gelüstet, der sich traut unbequeme Gesellschaftsphänomene aufzugreifen, ohne die Wucht ihrer Auswirkungen auf die Figuren mit einem Tropfen Sentimentalität abzumildern.

Denn zarte Gefühle findet man bei Lionel Shriver eher selten. Die Ehe von Erzählerin Pandora steht aufgrund der rigiden Diät und Sportbesessenheit ihres Mannes, der nach sieben Jahren so verknöchert scheint, wie seine Designerstühle, auf der Kippe. Die Beziehung zu den adoptierten Stiefkindern ist eher distanzierter Natur und Bruder Edison ist ein Prahlhans, der in seiner kleinen Schwester zwar ein williges Publikum sieht, aber keinen ebenbürtigen Gesprächspartner. Als Leser muss man sich erst einmal anfreunden mit dieser Schar aus wenig liebenswürdigen Figuren. Ebenso Pandora, die zwar den amerikanischen Traum lebt, diese Seifenblase aber schon zerplatzen sieht und sich daher lieber ihren überschüssigen Pfunden widmet, als ihr Leben zu genießen.

Der Stil von Lionel Shriver exponiert diese Riege der Antihelden in seiner nüchternen Klarheit. Man merkt der Autorin die Journalistenkarriere deutlich an. Ihre Schreibe hat Biss, dürfte aber gerade deshalb nicht jedermanns Sache sein. Schließlich wird nicht jeder gern gebissen. Bei Lionel Shriver gibt es keine Beilage zum Fleisch und keine Sahne im Kaffee. Manchem Leser dürfte sie so den Magen verderben. Doch auch nach drei Gängen, sitze ich, trotz leichter Verstimmungen und eines hartnäckigen Grummelns, immer noch am Tisch und versuche zu verdauen, was ich da gerade gelesen habe. Und glaub mir, liebe Leserin, Frau Shriver macht es mir alles andere als leicht.

Trotzdem weigere ich mich das Handtuch zu werfen. Denn auch wenn manche Szenen so schmerzlich sind, dass ich sie kaum zu Ende lesen kann, ist dieser Roman in seiner Gesamtheit doch verwunderlich unterhaltsam. Selbst nachdem der erste Teil bewältigt ist, Pandora und Edison mit ihrer Flüssigdiät loslegen – die ernährungswissenschaftlich etwas fragwürdig ist – kommt keine Langeweile auf, auch wenn ich insgeheim damit gerechnet hatte. Denn Stück für Stück enthüllt Lionel Shriver die Tiefpunkte von Edisons Leben und seinen langsamen Abstieg in die Fettsucht, Portion für Portion. Shriver wäre nicht Shriver, wenn diese Enthüllungen nicht völlig unsentimental geschehen würden. Man kann sie für ihre kühle Distanziertheit und die fast ironische zur Schau Stellung der Unzulänglichkeiten ihrer Figuren kritisieren, aber in Szenen tiefer Emotionalität verhindert diese “steife Oberlippe”, dass die Erzählung sich selbst zu bemitleiden beginnt.

Und dann tut Shriver etwas, das ich ihr wohl nie verzeihen werde. Sie liefert mir ein Happy End auf dem Dessertwagen, nur um mir im darauf folgenden dritten Teil der Erzählung zu verraten, dass sie den von mir so geliebten Kuchen mit faulen Eiern angerührt hat. Effektiv zerschlägt sie so alles, was ich an den vorherigen zwei Teilen des Buchs geliebt habe. Ohne hier zu viel verraten zu wollen, fragte ich mich auf einmal, warum ich das Buch eigentlich gelesen habe, wenn es auf den letzten paar Seiten zur Farce verkommt. Auf einmal merkte ich, Lionel Shriver schreibt ihre Bücher für sich selbst – nicht etwa für mich, ihre Leserin. Denn vor Jahren war sie die Pandora, die ihren großen Bruder vor sich selbst hätte retten können und sollen, oder auch nicht, und die Chance verstreichen ließ, um ihrer Ehe und um ihrer selbst willen.

Dieser Roman ist also ebenso Therapiesitzung für seine Autorin, wie er Unterhaltung ist für seine Leser. Wer damit zurecht kommt, die zweite Geige zu spielen, der wird dem Roman sicher einiges abgewinnen können. Ich habe ihn gerne gelesen, auch wenn ich nichts gegen einen kleinen Warnschuss vor dem bitteren Ende gehabt hätte. Doch was mir nicht vergönnt war, das hebe ich mir nun für Dich auf, liebe Leserin – PENG! Den Erzählerinnen von Lionel Shriver kann man als Leserin nicht so recht vertrauen, ob sie nun von ihrem Sohn Kevin erzählen oder davon wie sie mit ihrem fettleibigen Bruder, der möchte-gern Jazz-Legende, eine waghalsige und doch erfolgreiche Abspeckkur gestartet haben. Letztlich wäre das auch zu einfach, um wahr zu sein. Und wie ich das schon angedeutet habe macht Lionel Shriver es sich und ihren Lesern nur ungern einfach.

Lionel Shriver – Grosser Bruder – ISBN 978.3.492.05625.0

Ein Blick über den Tellerrand.

  • Im Moment esse ich leider noch alleine.

Literarische Nachbarn.

  • Die Frau, die zu viel fühlte von Charles Chadwick (Rezension)
  • Anständig Essen von Karen Duve (Rezension)
  • Hast Du vielleicht noch einen Tipp für mich?

(Rezension) Vom Ende des Punks in Helsinki von Jaroslav Rudiš

“Von Ende des Punks in Helsinki” ist der vierte Roman des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš. Geboren 1972 in Turnov schreibt Rudiš bisweilen auch in deutscher Sprache und verfasst sowohl Romane als auch Theaterstücke, beides mit durchschlagendem Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt. Neben Deutsch, ist “Vom Ende des Punks in Helsinki” unter anderem auch auf Französisch, Polnisch und Finnisch erschienen. Ende 2007 wurde Rudiš in die Reihe der wichtigsten Persönlichkeiten Tschechiens gewählt.

Vom Ende des Punks in Helsinki von Jaroslav Rudi“Ole ist 40, war früher Punk, Frauenheld und erfolgreich mit seiner Band, aber das ist lange her. Heute betreibt er das »Helsinki«, eine kleine, verrauchte Bar in einer namenlosen (ost)deutschen Großstadt. Außer der Bar, ein paar Freunden und seinen Erinnerungen ist ihm wenig geblieben. Als seine Bar geschlossen wird, bricht Ole zu einer Reise nach Tschechien auf. Es wird eine Zeitreise an den dunkelsten Punkt seiner Vergangenheit: 1987 versuchte er als 17-Jähriger mit seiner 16-Jährigen Freundin Nancy über die grüne Grenze in den Westen zu fliehen. Nancy kam dabei ums Leben.” (Vom Ende des Punks in Helsinki, Klappentext)

Auch wenn der Titel dieses Roman schon einmal den Punk zu Grabe trägt, ist er zwischen seinen Seiten doch noch putzmunter. Er schleicht durch die Straßen einer Stadt, von der ich stark annehme, dass es sich um Berlin handelt, duckt sich unter Rohren hindurch, die das Grundwasser aus dem Boden heraus pumpen, damit dort Tunnel entstehen können, von denen keiner so genau weiß, wofür sie einmal gut sein sollen. In Gestalt des ehemaligen Musikers Ole, der lange nach einem legendären Konzert der Toten Hosen und einem anschließenden, aber leider missglückten Fluchtversuch aus der CSSR, die etwas heruntergekommene und doch charmante Kneipe “Helsinki” führt. Und in eben dieser hielt ich mit Hilfe dieses Buchs für ein paar Tage Einzug.

Im “Helsinki” geht es bunt zu. Alt-Punks, junge Hüpfer und Stammgäste geben sich die Klinke in die Hand. Lena und Ulrike sitzen an der Bar und tratschen über Gott und die Welt, während Kneipenwirt Ole die Italienerin, eine Kaffeemaschine, anfeuert und sich fragt, ob er schon einmal mit Lena, der Frau mit den baltischen Augen, geschlafen hat. Eigentlich hat er den Frauen ja abgeschworen und dafür extra den Prager bei sich einziehen lassen, der mir diese Geschichte übrigens erzählt. Und so zapft Ole sich einen Schnitt und wendet sich anderen Gedanken zu, während der schlaftrunkene Frank herein torkelt und eine Soljanka bestellt, die, neben Rollmöpsen und Eiern in Senfsoße, das Mittagsmenü des Helsinki ausmacht. Mehr ist nicht drin, schließlich will Ole keine Ökomütter anlocken.

Das ist übrigens nur ein kleiner Teil der dramatis personae, die den Leser zwischen den Seiten des “Helsinki” erwartet, einem Laden, der ebenso Hafen ist, für gestrandete Punks, die längst nicht mehr als solche zu erkennen sind und dem wegen struktureller Schäden die Schließung droht. Ich selbst bin zwar kein Punk, noch habe ich mich jemals mit dieser Bewegung auseinander gesetzt. Und doch habe ich meine Nachmittage im “Helsinki” mehr als genossen, habe Soljanka gegessen und Frank dabei zugehört, wie er von seinen Plänen für ein völlig neuartiges Kickerspiel erzählt hat. Ab und zu bin ich zusammen mit Ole in die Vergangenheit abgetaucht, habe seine Zeit als Musiker und seine Zeit als gescheiterter Familienvater miterlebt und habe mitgetrauert, um all die verpassten Chancen.

Doch Ole ist nicht der alleinige Star des Buchs, mindestens ein Drittel davon gehört Nancy, einer 17-Jährigen Punkerin, die 1987 irgendwo im Altvatergebirge in der CSSR Tagebuch führt. In regelmäßigen Abständen, die mit schwarzer Schrift auf hellgraue Seiten gedruckt sind, meldet sie sich zu Wort und erzählt mir in ihrer rotzfrechen Schreibe, die keinerlei Regeln der Orthografie folgt, von ihrem Alltag als Punk im Sozialismus. Zusammen mit ihren Freunden und Gelegenheitsliebhaber Helmut rebelliert sie gegen das übermächtige Establishment und wähnt sich dabei authentischer als es die englischen Punks, besonders die Sex Pistols, waren – schließlich hatten die nix gegen das sie sich hätten auflehnen müssen. Ganz anders Nancy und ihre Truppe, deren Geschichte gegen Ende des Romans mit der von Ole verwächst.

Abgesehen davon widmet Rudiš auch der entfremdeten Tochter von Ole einen etwa 15-seitigen Teil gegen Ende des Buchs. Dieser ist mit weißer Schrift auf schwarze Seiten gedruckt und nennt sich “Schmukke Leute Manifest”. Denn es sind diese in Berlin Zehlendorf et alia lebenden Bürger der gehobenen Mittelklasse, gegen die Oles Tochter rebelliert. Ihre Ausführungen richten sich direkt an den Leser und sie erzählt dabei mit vielen Kommas aber nur einem Punkt, der das Manifest beschließt, erzählt von den handfesten Aktionen mit denen sie die “schmukken Leute” in die Schranken zu weisen gedenkt. Diese sind nur selten legal, aber wer nichts riskiert, kann sich gleich aus dieser Welt verabschieden. Schließlich geht eine der Aktionen gehörig nach hinten los und so verknüpft Rudiš auch hier die Erzählstränge miteinander. Eine nahtlose Arbeit, die einiges an Finesse erkennen lässt.

Auf den ersten Blick scheint “Vom Ende des Punks in Helsinki” ein bisschen auf Krawall gebürstet zu sein. Doch wer unvoreingenommen an diesen Roman heran geht, der wird schnell merken, wie liebenswert seine Figuren sind, wie durchdacht sein Aufbau und wie gewichtig seine Handlung ist, erzählt sie doch nicht nur die Geschichte von Ole, Frank und Nancy, sondern Geschichte, die uns alle angeht. Geschichte, die Jahrzehnte lang im Osten Europas gelebt wurde und noch heute in den Menschen, die damals jung waren, ob nun Punk oder nicht, nachwirkt. Doch anstatt mit gebrochenem Kreuz in der Ecke zu sitzen und sich selbst zu bemitleiden, tanzt “Vom Ende des Punks in Helsinki” den Pogo, bis irgendwann das Lokal einstürzt und die Wasserrohre über den Straßen Berlins bersten.

Jaroslav Rudiš – Vom Ende des Punks in Helsinki – ISBN 978.3.630.87431.9

Ein Blick über den Tellerrand.

  • Im Moment esse ich leider noch alleine.

Literarische Nachbarn.

  • Stalins Kühe von Sofi Oksanen (Rezension)
  • Hinter dem Mond von Wäis Kiani (Rezension)
  • Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers (Rezension)

(Die Sonntagsleserin) KW #15 – April 2014

016-001Zwischen letzter Woche und heute liegen Welten. Endlich bin ich ausgeruht genug, um wieder eine ausführliche Sonntagsleserin zu komponieren. Doch habe ich mir an letzter Woche ein Beispiel genommen und mir vorgenommen Dich, liebe Leserin, nicht mehr mit Beiträgen zu erschlagen. Schließlich bin ich nicht die einzige Sonntagsleserin, deren Beitragssammlungen durchstöbert werden wollen. Und jetzt, wo es in Deutschland langsam sommerlich warm wird, ist die Computerzeit am Wochenende natürlich weniger großzügig bemessen, als sie es in der dunklen, tristen Jahreszeit noch war. Daher gibt es von mir an dieser Stelle eine Hand voller Links und eine Hand voller Stöckchen. Das dürfte für heute genügen. Viel Spaß beim Stöbern!

Hast Du diese Woche ebenfalls ein paar Lieblingsartikel und/oder -rezensionen entdeckt, die Du nun mit anderen Lesern teilen möchtest? Dann mach doch einfach mit! Alle Infos zur Aktion “Die Sonntagsleser” findest Du HIER. 

Besondere Buchempfehlungen.

Ich tue mich derzeit mit Ruth Ozekis “Geschichte für einen Augenblick” etwas schwer, doch wenn ich die Rezension von masuko13 zum Buch so lese, kriege ich spontan Lust das Buch wieder zur Hand zu nehmen und da bin ich sicher nicht die einzige.

Paulo Coelhos “Veronika beschließt zu sterben” ist laut dem Bücherstadt Kurier “ein wundervoller Roman über das Leben und die Suche nach sich selbst.” So habe ich es damals, als ich das Buch gelesen habe, auch empfunden.

Andreas von Flotows “Tage zwischen gestern und heute” erschien letzten Monat und nicht nur ich, habe es diese Woche rezensiert. Mara von Buzzaldrins Bücher war zwar ähnlich enttäuscht von diesem etwas kargen Debüt, wie ich es war. Doch ihre lesenswerte Rezension dazu verdient trotzdem eine Erwähnung.

“Wie sollten wir sein?”, diese Frage haben sich schon ein paar Blogger gestellt, unter ihnen ist seit dieser Woche auch Caterina von Schöne Seiten. Anlass zu dieser Innenschau gibt übrigens das gleichnamige Buch von Sheila Heti.  

Lesenswerte Artikel.

Als Buchbloggerin verehre ich Worte, aber manchmal geht es auch ganz gut ohne, oder fast ohne. So zum Beispiel auf dem Blog von Cindy Knoke, die von einem Tag im San Diego Wild Animal Park mit reichlich Bildmaterial zurück gekommen ist und auch die photographischen Mongoleisouvenirs von phelmas.com sind ein Fest für die Augen.

Lesereisen bringen Autoren und Leser zusammen. Doch eben nicht immer die Autoren, nach denen sich das Leserherz am meisten sehnt. Shiku von Muh, das Telefonbuch hat zwar schon Lieblingsautoren wie Darren Shan und Maggie Stiefvater getroffen, doch ein paar Wünsche bleiben trotzdem noch offen…

Meine Buchtipps schreibt diese Woche mal nicht nur über Bücher, sondern auch über ein Thema, das im digitalen Zeitalter immer mehr Jugendlichen das junge Leben zerstört, bzw. zu zerstören droht – Cybermobbing. Laut Buchbloggerin Petra ist es ein Problem, das uns alle angeht und ich bin da voll und ganz ihrer Meinung.

Vera von Glasperlenspiel13 und Caterina von Schöne Seiten besuchten unlängst die Frankfurter Verlagsanstalt und nun wurden die Eindrücke der beiden, verfasst von Buchbloggerin Vera, auf We read indie veröffentlicht. Ein literarischer Leckerbissen für Fans des Indie Verlags und alle, die es noch werden wollen.

Blogger und die Apokalypse.

In der letzten Woche flog ein Stöckchen von Blog zu Blog, in dem es um die Rettung bedrohter Bücher geht. Bedroht werden diese von der bevorstehenden Apokalypse und die einzigen, die sie retten können, sind bibliophile Blogger. Und diese stellten auch fleißig Listen rettenswerter Bücher zusammen. Meine liebsten habe ich hier einmal zusammengetragen.

Und die letzte Bloggerin auf meiner Liste hat auch mir das Stöckchen zugeworfen. Ich hatte bisher noch keine Zeit es selbst zu beantworten, überlege aber schon fieberhaft, welche literarischen Schätze ich vor der drohenden Apokalypse retten würde.

Liste der Sonntagsleser.

(April) Neue Bücher bei der Bücherphilosophin…

Seit fast zwei Jahren bin ich nun mal wieder für längere Zeit in Deutschland und habe diese geographische Veränderung direkt genutzt, um meine Bücherregale mit deutschen Neuerscheinungen zu füllen. Einige davon habe ich bereits bei meinen Bloggerkollegen gesehen und freue mich nun besonders darauf, diese Romane selbst zu lesen. Da waren zum Beispiel Ulrike Draesners “Sieben Sprünge vom Rand der Welt” auf das graue Sofa, Saša Stanišićs “Vor dem Fest” auf Literaturen oder auch Richard Yates’ “Eine strahlende Zukunft” auf Sätze&Schätze. Nun aber zu den Büchern, deren Rezensionen Dich in den folgenden Wochen bei der Bücherphilosophin erwarten…

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Sieben Spruenge vom Rand der Welt von Ulrike DraesnerSieben Sprünge vom Rand der Welt von Ulrike Draesner… Simone Grolmann ist 52, etabliert und angesehen, Professorin für Verhaltensforschung, Mutter einer Tochter, ein analytischer Mensch. Und doch hat sie Angst. Angst vor Schnee. Die Angst ist tief in ihr, versunken wie der Breslauer Wald, durch den ihr Vater, sein behinderter Bruder Emil und Lilly, die Mutter der beiden, in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1945 stapften, bei minus 21 Grad: drei Menschen mit drei durchweichten Pappkoffern. 17 Jahre vor Simones Geburt war das, und doch ist es ihre eigene Angst.

Eine strahlende Zukunft von Richard YatesEine strahlende Zukunft von Richard Yates… Jung, frisch verheiratet und ehrgeizig, versucht Michael Davenport, als Schriftsteller sein Auskommen zu finden. Das große Privatvermögen seiner Ehefrau Lucy will er nicht angreifen, aus Angst, es würde ihn als Künstler korrumpieren. Lucy, unsicher, was von ihr erwartet wird, stürzt sich in die Schauspielerei, die Malerei, um ihrem Leben so einen Sinn zu geben. Doch die Jahre vergehen, die Misserfolge häufen sich, und hinter den hochtrabenden Erwartungen lauert ein Leben in Durchschnittlichkeit. und dann setzen die Zweifel aneinander ein.

Der Rest der Nacht von Martin BeckerDer Rest der Nacht von Martin Becker… Ein junger Mann kommt zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit, um das Haus seines verstorbenen Vaters zu verkaufen und mit seiner Vergangenheit abzurechnen. Er will seine Mission erfüllen und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Nichts könnte ihn halten. Aber dann sieht er eine Frau und verliebt sich in ihre Augen, steinalt und traurig wie die Welt. Mit einem Mal ist er nicht mehr der Sohn, der das Gestern überwinden will. Mit einem Mal ist er nur noch ein Mann, der eine Frau liebt.

Der Garten des Blinden von Nadeem AslamDer Garten des Blinden von Nadeem Aslam… Pakistan in den Monaten nach dem 11. September: Jeo ist mit Naheed, der großen Liebe seines Lebens, verheiratet, die auch sein Adoptivbruder Mikal begehrt. Als Jeo sich auf den Weg macht, in Afghanistan verwundeten Zivilisten zu helfen, begleitet Mikal ihn, doch ein Komplott führt die beiden unversehens zwischen die Fronten, Jeo stirbt, und Mikal gerät in Gefangenschaft. Auch in das Leben der Familie zu Hause bricht der Krieg ein. Ihr Vater Rohan, gläubiger Muslim und Gründer einer liberalen Schule, sieht sein Lebenswerk durch Fundamentalisten bedroht, und Naheed tut alles, um die mühsam erkämpfte Freiheit der Frauen nicht wieder zu verlieren. Sie trauert um Jeo, gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass Mikal eines Tages zurückkehrt.

Je laenger je lieber von Alexa Hennig von LangeJe länger, je lieber von Alexa Henning von Lange… Wie findet uns das Glück? Danach fragt Alexa Hennig von Lange in ihrem neuen großen Roman. Als Mimi eines Nachts zu ihrer geliebten Großmutter gerufen wird, glaubt sie schon an Abschied. Clara liegt im Sterben, aber eine unstillbare Sehnsucht lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Ein geheimnisvoller Kompass führt Mimi schließlich zum Ursprung einer einzigartigen Liebe, die die halbe Welt und ein ganzes Jahrhundert umspannt. Beim Versuch, ihre Großmutter mit dem Schicksal zu versöhnen, erkennt Mimi, dass sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen muss.

Die Nacht des Kranichs von Patrick NessDie Nacht des Kranichs von Patrick Ness… Eines Nachts wird George Duncan von einem Geräusch in seinem Gartenhaus seinen Träumen gerissen. Er kann kaum glauben, was er dort sieht: Ein Kranich ist vom Himmel auf seinen Rasen gefallen, er hat einen Pfeil in seinem Flügel und kann nicht mehr fliegen. George eilt dem Vogel sofort zu Hilfe, befreit ihn, und beobachtet, wie er sich daraufhin wieder erhebt und fortfliegt. Am nächsten Morgen steht George wieder in seinem kleinen Laden und sieht, wie eine Frau in einem langen weißen Kleid hereinkommt. Von dem Moment an ist Georges Leben nicht mehr so, wie es war. Kumiko ist etwas ganz Besonderes, und sie erzählt ihm eine Geschichte, die alles verändert.

Vor dem Fest von Saa StaniiVor dem Fest von Saša Stanišić… Es ist die Nacht vor dem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann – der ist tot. Und Frau Kranz, die nachtblinde Malerin, die ihr Dorf zum ersten Mal bei Nacht zeigen will. Ein Glöckner und sein Lehrling wollen die Glocken läuten, das Problem ist bloß: die Glocken sind weg. Eine Füchsin sucht nach Eiern für ihre Jungen, und Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, findet mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen. Niemand will den Einbruch ins Haus der Heimat beobachtet haben. Das Dorfarchiv steht aber offen. Doch nicht das, was gestohlen wurde, sondern das, was entkommen ist, treibt die Schlaflosen um. Alte Geschichten, Sagen und Märchen ziehen mit den Menschen um die Häuser. Sie fügen sich zum Roman einer langen Nacht, zu einem Mosaik des Dorflebens, in dem Alteingesessene und Zugezogene, Verstorbene und Lebende, Handwerker, Rentner und edle Räuber in Fußballtrikots aufeinandertreffen. Sie alle möchten etwas zu Ende bringen, in der Nacht vor dem Fest.

Nachts wenn der Tiger kommt von Fiona McFarlaneNachts, wenn der Tiger kommt von Fiona McFarlane… Die betagte Ruth wohnt in einem entlegenen Haus am Meer. Seit dem Tod ihres Mannes ziehen ihre Tage gleichförmig dahin, allein vom Rhythmus der Wellen und dem Klang des Windes geprägt. Eines Tages steht eine vom Staat geschickte Pflegekraft vor der Tür. Die tüchtige Frida übernimmt schnell das Regime, sie kümmert sich um Geldangelegenheiten und die Medikamente, sodass die alte Dame das Haus gar nicht mehr verlassen muss. Langsam entgleitet Ruth das Gefühl für die Realität: Gegenstände verschwinden, ein leerstehendes Zimmer scheint bewohnt, nachts schleicht ein blutrünstiger Tiger durchs Haus … und ist Frida wirklich die, für die sie sich ausgibt?

Herrliche Zeiten von Norbert LeitholdHerrliche Zeiten von Norbert Leithold… Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Der Berliner Fabrikant Hermann Kypscholl wähnt sich auf der Seite der Gewinner, seiner Familie fehlt es an nichts, und bei Feiern mit illustren Gästen in der Wannsee-Villa fließt Sekt in Strömen. Tochter Anna steht vor einer Karriere als Rassenforscherin; Sohn Otto, der eigentlich Maler werden will, wird von seinem Vater in die Wehrmacht gezwungen und »sichert« in Europa Kunstwerke für Nazigrößen. Doch nach 1945 ist nichts mehr, wie es war: Anna wird vermisst, Otto sitzt im Kriegsverbrechergefängnis, und die Teilung Deutschlands schlägt eine Schneise in die Familie. erst in den 1960er Jahren finden Annas Tochter und Ottos Sohn zusammen, aber beide leiden unter den Wunden, die der Krieg gerissen hat.

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Tage zwischen gestern und heute von Andreas FlotowTage zwischen gestern und heute von Andreas von Flotow… Elf Jahre war er alt, als auf seine Eltern geschossen wurde. Sein Vater kam um, seine Mutter fiel ins Koma. Vage sind die Erinnerungenan jenen Tag und auch an die Jahre davor. Mit der Mutter, einer berühmten Sängerin, tourte er als Kind durch die USA. Der Vater lebte unerreichbar entrückt in der Welt seiner Bücher. Sein einziges Geschenk an den Sohn war eine leinengebundene Ausgabe der Göttlichen Komödie – der Junge gab sie ihm zurück. Nun, Jahrzehnte später, nähert sich der Ich-Erzähler mutig seiner Kindheit und die Erinnerungen werden zur Gegenwart.

Glueckskind von Steven UhlyGlückskind von Steven Uhly… Deutschland 2012. »Warum war ich überhaupt so, wie ich war?«, fragt sich Hans D. Jahrelang hatte er keine Fragen mehr. Im Gegenteil, er war kurz davor, fraglos aufzugeben. Und dann? Dann bringt er den Müll hinunter, geht zu den Tonnen, findet im Müll ein Kind. Es beginnt ein berührender Prozess über die Entscheidung, was geschehen muss. Das Kind behalten, es verbergen? Und die Mutter? Eine Mordanklage zulassen, wider besseres Wissen? Was ist gerecht? Wie handeln? Am Ende der Geschichte sind die Dinge neu geordnet. Ein Kind wird überlebt haben, und mit Hans D. werden wir wissen, dass Liebe der Schlüssel ist für Erkenntnis, Veränderung, ein gutes Leben.

K von Tom McCarthyK von Tom McCarthy… England, im Jahr 1898: Auf dem Landgut Versoie kommt Serge Karrefax zur Welt. Ein Aberglaube verheißt ihm eine außergewöhnliche Zukunft, denn der Junge trägt bei der Geburt seine Fruchtblase auf dem Kopf – die »Glückshaube«. Und tatsächlich, sein Leben spiegelt all die Wunder des soeben angebrochenen neuen Zeitalters. Tom McCarthy schildert in seinem kühnen Bildungsroman das große Zeitalter, in dem die Technologie das Licht der Welt erblickt, seine Obsessionen, Ängste und Wahrheiten. Ein kühner, atemberaubender Roman, der unsere globalisierte, hochtechnisierte Gegenwart widerhallen lässt.

Die Bestimmung - Toedliche Wahrheit von Veronica RothDie Bestimmung – Tödliche Wahrheit von Veronica Roth… Die Aufnahme in eine der fünf Fraktionen sollte ein feierliches Ereignis für Beatrice werden – und endete in einer Katastrophe: Zwar konnte die 16-Jährige, die als Unbestimmte über besondere Fähigkeiten verfügt, verhindern, dass ihre gesamte ehemalige Fraktion ausgelöscht wird. Doch viele mussten ihr Leben lassen. Mit den Überlebenden haben Beatrice und ihr Freund Tobias sich zu den Amite geflüchtet. Aber auch dort sind sie nicht sicher, denn der Krieg zwischen den Fraktionen hat gerade erst begonnen. Wieder einmal muss Beatrice entscheiden, wo sie hingehört – selbst wenn es bedeutet, sich gegen die zu stellen, die sie am meisten liebt.

Vom Ende des Punks in Helsinki von Jaroslav RudiVom Ende des Punks in Helsinki von Jaroslav Rudiš… Ole ist 40, war früher Punk, Frauenheld und erfolgreich mit seiner Band, aber das ist lange her. Heute betreibt er das »Helsinki«, eine kleine, verrauchte Bar in einer namenlosen (ost)deutschen Großstadt. Außer der Bar, ein paar Freunden und seinen Erinnerungen ist ihm wenig geblieben. Als seine Bar geschlossen wird, bricht Ole zu einer Reise nach Tschechien auf. Es wird eine Zeitreise an den dunkelsten Punkt seiner Vergangenheit: 1987 versuchte er als 17-Jähriger mit seiner 16-Jährigen Freundin Nancy über die grüne Grenze in den Westen zu fliehen. Nancy kam dabei ums Leben.

Diese Bücher werden mich wohl die nächsten paar Monate beschäftigen. Ein paar habe ich auch schon angefangen und sogar beendet. So zum Beispiel “Tage zwischen gestern und heute” von Andreas von Flotow, das mit seiner melancholischen Erzählweise perfekt zum durchwachsenen Aprilwetter gepasst hat. Doch so schnell wird mir der Lesestoff sicher nicht ausgehen ;)

Und was ist mit Dir? Kennst Du diese Bücher vielleicht schon? Gibt es eines, das Du mir besonders empfehlen möchtest? Und falls Du sie noch nicht kennst, auf welches Buch bist Du besonders gespannt?

Ich freue mich darauf zu erfahren, was Du zu meinen neuen Büchern zu sagen hast :)

(Rezension) Schroders Schweigen von Amity Gaige

“Schroders Schweigen” ist der dritte Roman der amerikanischen Schriftstellerin Amity Gaige. Geboren 1972 in Charlotte, North Carolina, studierte sie an der Brown University Englisch und Theater bevor sie Ende der 90er Jahre den renommierten Iowa Writers’ Workshop besuchte. “Schroders Schweigen” wurde von der einschlägigen Presse mit begeisterten Kritiken aufgenommen und wurde u.a. für den mit 40,000 GBP dotierten Folio Prize nominiert. Zur Zeit ist Amity Gaige die ansässige Schriftstellerin am Amherst College im US-Bundesstaat Massachusetts.

Gaige_24366_MR1.indd“Meadow ist sechs. Krank vor Sehnsucht nach der Tochter, mit der er seit der Trennung von Laura nur sehr wenig Zeit verbringen darf, setzt Eric sich mit ihr ins Auto und fährt einfach los, immer weiter, bis die kleine Reise mehr und mehr zur Flucht gerät – der zweiten in seinem Leben. Niemand weiß, dass er zwei Identitäten hat: die Erik Schroders, des Immigranten aus der DDR, und die Eric Kennedys mit der frei erfundenen, uramerikanischen Biographie. Erst im Gefängnis bricht Eric sein Schweigen. Er schreibt seiner Exfrau und erzählt ihr von seiner Vergangenheit, erzählt ihr von den gestohlenen Tagen mit Meadow.” (Schroders Schweigen, Klappentext)

Diesem Buch mit einer Rezension gerecht zu werden, wird mir schwer fallen. Viele Vorschusslorbeeren hatte es eingeheimst, sowohl von Literaturkritikern und Literaturpreisjurys als auch von meinen Bloggerkollegen, bevor ich es endlich zur Hand nahm und fast schon befürchtete, es würde hinter meinen haushohen Erwartungen zurück bleiben. Doch weit gefehlt, von der ersten Seite an schafften es die Ausführungen Erik Schroders mich zu packen und auch wenn die Lektüre dieses Romans eine gewissen Achtsamkeit und zwangsläufig auch Langsamkeit von mir verlangte, konnte ich das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen.

Ein Buch im Buch, geschrieben von einem der Kindesentführung angeklagten Vater, an seine Ex-Frau und Mutter des entführten Kindes oder jeden, der es lesen möge – in diesem Falle ich. Ein Buch, in dem Erik Schroder mir erzählt, wo er und seine Tochter Meadow in der Woche ihres Verschwindens gewesen sind, was sie taten, wen sie trafen. Ein Buch, in dem Erik Schroder zu Eric Kennedy wird und Lüge für Lüge eine Wand aus Geheimnissen und Verfälschungen aufbaut, die ihn von seiner Familie, der alten aus Deutschland emigrierten und der neuen in Amerika angeheirateten, trennt und abschirmt. Ein Buch, in dem Autorin Amity Gaige zeigt, was sie schriftstellerisch so alles kann.

Erik Schroder ist ein gebildeter, belesener Mann, dessen Erzählung sprachlich versiert und detailliert daher kommt. Oft wird die Handlung durch Fußnoten ergänzt, die man als Leser lieben oder nur überfliegen kann. Je nach persönlichem Geschmack verleihen sie der Erzählung Authentizität, als wäre es wirklich Schroder gewesen, der hier die Feder führte und nicht Amity Gaige als Schroder. Man fühlt sich versucht diesen Roman mit Nabokovs “Lolita” zu vergleichen, auch wenn er der sexuellen, ja im Grunde schon perversen, Komponente entbehrt, eben durch die gehobene Sprache des Erzählers, dessen Bildungshintergrund, der doch im Grunde gar nicht so distinguiert ist, wie es die Hauptfigur seit Kindertagen nur zu gerne andeutet.

An dieser Stelle frage ich mich nach dem Wesen des Klischees. Denn es scheint greifbar zu sein. Nur bin ich mir nicht sicher, ob es der klug daher redende Hochstapler ist, der die Literatur dieses Themas dominiert oder doch der kindergrapschende Hinterwäldler, der in den Nachrichten so gerne heraufbeschworen wird. Im Zweifelsfall lasse ich Amity Gaige was diese Überlegung angeht vom Haken. Denn das Endprodukt überzeugt, indem es eine Geschichte erschafft, die zwar deutlich ihre Einflüsse erkennen lässt, die ich so aber noch nie zuvor gelesen habe. Und die dabei nicht halb so kontrovers ist, wie es die Presse gerne behauptet, ist es doch ein liebender, zugegeben etwas verzweifelter Vater, der das minderjährige Mädchen durch Amerikas Nordstaaten kutschiert, und nicht etwa ein alternder Hebephiler.

Gaige basiert die Handlung ihres Romans dabei auf einem echten Fall aus den USA, nimmt ihrem Erzähler allerdings die kriminellen Tendenzen, so dass man als Leser fast schon hofft Erik Schroder und Tochter Meadow mögen der raffgierigen, wankelmütigen Mutter entkommen und auf ewig verschwunden bleiben. In Momenten wie diesen merkt man jedoch auch, wie sehr der Erzähler die Handlung zu seinen Gunsten einfärbt, den Leser, ob nun ein vom Gericht beauftragter Gutachter oder einfach die Person, die das Buch gerade in Händen hält, auf seine Seite zu ziehen versucht und es größtenteils auch schafft. Das zeugt, meiner Ansicht nach, von großer Erzählkunst und einem ausgeklügelten Spiel mit den Sympathien des Lesers in einem.

“Schroders Schweigen” ist kein einfaches Buch, weder stilistisch noch für das Gewissen des Lesers. Doch es ist ein Buch, dass ein wichtiges, Familien entzweiendes, Thema aufgreift, von dem ich mich ehrlich gesagt wundere, dass es in der Literatur so lange brach gelegen hat. Amity Gaige macht sich einen Namen als große, amerikanische Erzählerin, die nicht vor konfliktbeladenen Geschichten zurückscheut und diese doch Mainstream-tauglich aufzubereiten weiß. Diese Leserin hat somit eine neue Lieblingsautorin entdeckt und in ihrem Roman “Schroders Schweigen” ein Buch, das sich alle darin gesetzten Erwartungen zu erfüllen traute und mehr.

Amity Gaige – Schroders Schweigen – ISBN 978.3.446.24366.8

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Lolita von Vladimir Nabokov
  • Mr. Lamb von Bonnie Nadzam
  • The Ice Age von Kirsten Reed (Rezension)

(Rezension) Lazyboy von Michael Weins

“Lazyboy”, der dritte Roman von Michael Weins, erschien im Jahr 2011 im mairisch Verlag. Geboren 1971, lebt der Autor heute in Hamburg, wo er neben dem Schreiben als Diplompsychologe praktiziert. Seine Schwerpunkte liegen, neben einfallsreicher Gegenwartsliteratur, im Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie, wobei er hauptsächlich mit Jugendlichen arbeitet. Er hat bereits zwei Mal den Förderpreis für Literatur der Stadt Hamburg gewonnen und ist Mitbegründer des Literatur-Entertainment-Trios Schischischo.

cover_31_500“Heiner Boie, genannt Lazyboy, geht durch Türen. Doch im Gegensatz zu anderen Leuten bringen sie ihn manchmal nicht in den angrenzenden Raum, sondern ganz woanders hin: Mal an ihm wohlbekannte Orte, mal an Plätze, die er nie zuvor gesehen hat. Zwar kann er das Ganze nicht kontrollieren und fühlt sich eher als Anti-Superheld, findet aber Gefallen an seinen Fähigkeiten. Bis er bei einem Türensprung die 13-jährige Daphne kennenlernt, die das alles gar nicht beeindruckt: Sie hat in ihrem Keller selbst so eine Tür, die nicht das macht, was sie soll. Lazyboy geht hindurch – aber diesmal kommt er an einen Ort, wo er noch nie war. Und dort geht die Geschichte erst los.” (Lazyboy, Klappentext)

Lange hatte ich schon vor diesen Roman zu lesen und ebenso lange habe ich es vor mir her geschoben. Warum weiß ich eigentlich gar nicht so genau, stand er mir doch in der Onleihe jederzeit zur Verfügung. Nun habe ich mich aber endlich dazu durch gerungen “Lazyboy” zu lesen und was soll ich sagen, leider bleibt er weit hinter meinen Erwartungen zurück. Die ungewöhnliche Prämisse ist mit Abstand das lesenswerteste an diesem Buch, das mit seinen fast 500 Seiten (eBook Ausgabe in der Onleihe) heillos überproportioniert ist. Michael Weins hatte sich schon mit seinem Roman “Delfinarium” bei mir keinen Namen gemacht und leider fällt “Lazyboy” in die gleiche Sparte. Kann man lesen, muss aber nicht unbedingt sein.

Die Idee finde ich wie gesagt sehr interessant, magischen Realismus als Genre finde ich ohnehin spannend. Nur leider versuppt das, was auf dem Buchrücken versprochen wird, ganz schnell zwischen redundanten und zugegebenermaßen etwas langweiligen Szenen, zum Beispiel wenn Hauptfigur Lazyboy mit seinem Freund dem Musikproduzenten um die Alster walkt. Die jeweiligen Teile sind meiner Einschätzung nach je 100 Seiten zu lang geraten und der Leser – in diesem Fall ich ;) – ertappt sich dabei, wie er Passagen überfliegt und trotzdem nichts wichtiges zu verpassen scheint, was in der Regel kein gutes Zeichen ist.

Der erste Teil des Romans beschäftigt sich dabei mit Heiner Boie, dem Lazyboy, der eines Tages zwischen Türen telepotiert. So lernt er ein junges Mädchen kennen, die das ebenfalls kann, aber nur mit einer ganz bestimmten Tür. Das ist im Grunde das Hauptereignis, alles weitere ist Fugenmasse und während des Lesens eher uninteressant. Im zweiten Teil wird der Leser in eine völlig andere Welt hineingestoßen, bzw. in ein völlig anderes literarisches Genre. Diese Welt nennt sich Beek und gleicht einer Mischung aus historischem Roman und Fantasy. Wer Gegenwartsliteratur bevorzugt, der wird diesen längsten Teil des Buchs nicht mögen. Denn Beek ist eine durch und durch absurde Welt.

Hört man Michael Weins über seinen Roman sprechen, dann macht alles auf einmal Sinn und die Idee selbst ist nicht nur gut, sie ist fast schon großartig und ausgeklügelt bis zum äußersten. Nur leider scheint Weins es nicht geschafft zu haben seine brillante Idee auch so umzusetzen, dass das, was daran so raffiniert ist, auch ohne weiteres beim Leser ankommt – ohne dass dieser nach der Lektüre noch groß Interviews mit dem Autor lesen muss, um sich so von dem das Buch erklären zu lassen. Ein Buch, das insgesamt etwas zu verkopft ist, um seine Aussage auf unbeschwerte Art und Weise zu transportieren.

Gegen Ende des Buchs werden die vorangegangenen Kuriositäten zwar aufgeklärt, so verliert die gerade gelesene Geschichte aber auch einiges an Magie. Ich persönlich bin eher weniger begeistert, wenn ich ein Buch lese, dass sich mir zu erklären glauben muss. Denn es gibt mir das Gefühl entmündigt, bzw. für ein bisschen dämlich gehalten zu werden – von dessen Autor, der die Geschichte so schrieb, wie ich sie las und von dessen Lektor, der meinte man könne die einschlägigen Passagen so belassen. So geschehen ist mir das mit dem Roman “Lazyboy”, einem Buch, das ich, so gerne ich es auch getan hätte, nicht geliebt habe und daher nicht mit gutem Gewissen weiter empfehlen kann.

Michael Weins – Lazyboy – ISBN 978.3.938539.19.4

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Die Welt summt in b-Moll von Mari Strachan (Rezension)
  • Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen von Aimee Bender (Rezension)
  • Was wir Liebe nennen von Jo Lendle (Rezension)