/rɪˈvjuː/ Wenn ich bleibe

Autor: Gayle Forman
Originaltitel: If I Stay
Format: Roman, Gebunden
Verlag: blanvalet
Erscheinungsjahr: 2010
Seitenzahl: 268 Seiten
Genre: Gegenwartsliteratur
ISBN: 978-3-7645-0351-2

Klappentext:
 Mia muss sich entscheiden: Soll sie bei ihrem Freund Adam und ihrer Familie bleiben – oder ihrer großen Liebe zur Musik folgen und mit ihrem Cello nach New York gehen? Was, wenn sie Adam dadurch verliert? Und dann ist von einer Sekunde auf die andere nichts mehr, wie es war: Auf eisglatter Fahrbahn rast ein Lkw in das Auto, in dem Mia sitzt. Mit ihrer Familie. Sie verliert alles und steht vor der einzigen Entscheidung des Lebens: bleiben oder gehen?

Mein erster Eindruck (nach 78 Seiten): Gut, gut, ich könnte mich mit diesem Buch befreunden. Es ist schön flüssig zu lesen, ereignisreich und ein bisschen verträumt. Gleich am Anfang passiert der Familie ihr lebensverändernder (bzw. verkürzender) Unfall. Die Beschreibung der Wunden und toten Leiber der Eltern begeistert mich wenig, darüber hab ich schnell weg gelesen. Die Rückblenden, welche sich mit Szenen von vor, während und nach dem Unfall abwechseln, lese ich da lieber. Erzählt von einer sympathischen, zurückhaltenden Hauptfigur. Ich bin sicher es wird mir gefallen.
Insgesamt fängt es tragisch an, aber es muss ja nicht unbedingt so weiter gehen.

Meine Meinung: Dieses Buch hat einen Klappentext wie ein Irrgarten. Denn erst, wenn man es aufschlägt zeigt sich einem die wahre Magie, welche zwischen seinen Seiten liegt. 
Wie in meinem ersten Eindruck schon beschrieben, erfährt die Familie bereits auf den ersten Seiten den schrecklichen Unfall, von dem im Klappentext die Rede ist. Gerade hat sich die Familie noch darüber gestritten, welcher Radiosender im Auto gehört werden soll, da geht auch schon alles ganz schnell und Mia findet sich am Straßenrand sitzend wieder – verwaist, doch wie es scheint unverletzt. 
Jedoch nehmen die Ereignisse hier eine unerwartete Wendung, die meiner Meinung nach diesen Roman zu etwas ganz besonderem und unglaublich lesenswertem machen, denn Mia entdeckt ihren vom Unfall zerschundenen Körper, wie er von Sanitätern bearbeitet wird. Sie folgt ihm ins Krankenhaus, in den Operationssaal und schließlich die Intensivstation. 
Nun stellt sich heraus, dass Mia eine Entscheidung zu fällen hat – hier wieder die Frage aus dem Klappentext: gehen oder bleiben, viel mehr leben oder sterben? 
Während Mia auf eine Eingebung hinsichtlich dieser folgenschweren Entscheidung hofft, kramt sie in ihrem Gedächtnis, nach den Erinnerungen, die sie zum Bleiben bewegen könnten. Und so wird dieser Roman von Mia halb im Jetzt, auf der Intensivstation, und halb als Rückblende, in wichtige Ereignisse aus ihrer Kindheit und Jugend, erzählt. Bis sie sich schließlich entscheidet…
Ich bin aufgrund des schwammigen Klappentextes ganz unbedarft an dieses Buch heran gegangen und nun bin ich begeistert. Die Erzählweise und vor allem die Erzählerin, schwebend zwischen Tod und Leben, haben etwas ganz besonderes, ja fast magisches, an sich. 
Dies ist definitiv nicht ein weiterer kitschiger Frauenroman, sondern ein brilliant erzähltes Werk, welches ich geschlechts- und generationsübergreifend empfehlen würde. 
Die Musik spielt in diesem Buch eine tragende Rolle, sowohl als Mittel der Abgrenzung, als auch als Symbol für die Liebe zum Leben. Mias Cellospiel hat mich dazu gebracht wieder einmal Klassik zu hören und die feinen Klänge der Streicher auf ganz neue Weise kennen und schätzen zu lernen. So lässt sich ganz klar sagen, dass dieses Buch den Leser, also in diesem Fall mich, verändert und berührt. 
Dieser Roman ist in einer klaren, unverschnörkelten Sprache verfasst, die jedoch keinesfalls billig oder lieblos wirkt. Es ist vielmehr nicht nötig diese Geschichte in großen, überschwänglichen Worten zu erzählen, da der Stoff sich selbst tragen kann und keine zusätzliche Dekoration braucht.
Ich bin besonders verliebt in die Charaktere, welche die Autorin in ihrem Roman auftreten lässt. Sie sind authentisch, ohne langweilig zu sein – sie sind allerdings alles andere als langweilig. Und ich war gleich emotional in das Schicksal von Mia investiert und trauerte mit ihr um ihre Familie.
Traurig und schwer, ist dieses Buch jedoch keinesfalls. Es fühlt sich an, wie eine lieb gewonnene Erinnerung, und man träumt sich derart in das Leben von Mias Familie, dass es leicht fällt zu vergessen, was am Anfang mit ihr passiert ist.
Fazit: Es tut gut diesem Buch einen zweiten Blick zu schenken, denn erst dann entfaltet es seine ganze Magie. 
Zitate aus dem Buch:
Eine etwas andere Liebeserklärung:
Du bist diejenige, die ich mag. (…) die Person, die du heute Nacht bist, ist dieselbe, die ich gestern geliebt habe, dieselbe, die ich morgen lieben werde. Ich liebe deine Verletzlichkeit und deine Stärke, deine Schweigsamkeit und deinen Übermut. Verdammt, du bist eine der heißesten Frauen, die ich kenne, egal, was für Musik du hörst oder wie du dich anziehst.

Meine Lieblingsstelle:
Ich will, dass alles verschwindet. Ich will verschwinden. Ich will nicht hier sein. Ich will nicht in diesem Krankenhaus sein. Ich will nicht in diesem erstarrten Zustand sein, in dem ich sehen kann, was passiert, in dem ich mir bewusst bin, was ich fühle, ohne es wirklich zu spüren. Ich kann nicht schreien, bis mir die Kehle schmerzt, kann nicht das Fenster mit der Faust einschlagen, sodass ich mir die Hand aufschneide, kann mir nicht die Haare in Büscheln ausreißen, bis der Schmerz auf meiner Kopfhaut den in meinem Herzen übertrifft. 

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