/rɪˈvjuː/ Rohypnol

Die harten Fakten:

Autor: Andrew Hutchinson; Ersterscheinung: 2007

Die Quintessenz: Der Erzähler dieses Romans ist Mitglied einer Gruppe von jungen Männern, die ihre Freizeit damit verbringen junge Frauen mittels des Betäubungsmittels Rohypnol zu vergewaltigen.

Meine Rezension:

Die Opfer waren dran, jetzt reden die Täter. Ich hatte überlegt dieses Buch nicht zu rezensieren. Da mir das re allerdings wichtiger ist als das zensieren, habe ich mich entschlossen es doch zu tun ;)

Ausgesucht habe ich mir das Buch übrigens wegen den tollen Cover und natürlich in bester Katarina-Manier, ohne den Klappentext zu lesen. Erst wollte ich es zurück bringen, aber dann bildete es einen so schönen Kontrast zu Lucky von Alice Sebold. Denn beim Lesen des Tathergangs, aus Sebolds Feder, fragte ich mich so oft, was denkt sich dieser Mann eigentlich – woher kommt dieser Drang einen anderen Menschen zu erniedrigen. Rohypnol versprach also Antworten zu liefern.

Ich bin über dieses Buch geteilter Meinung. Einerseits ist es interessant und gut geschrieben. Andererseits fragte ich mich beim Lesen ständig: Wie kommt ein Mann um die 30 dazu sich in das kranke Gehirn eines minderjährigen Vergewaltigers hinein versetzen zu wollen und das dann auch noch ästhetisch verpackt dar zu bieten?!

Ich lese schon gerne mal auf der extremen Seite, spätestens seit Unfun ist das kein Geheimnis mehr. Während Falbakken seine Splatter-Prosa jedoch noch humorvoll und mit einem ironischen Augenzwinkern dar bringt, scheint dieses Buch es todernst zu meinen. Eine authentisch wirkende Geschichte mit Vergewaltigern als Helden, die, preisgekrönt, nun auch noch verfilmt werden soll – bin ich die einzige, der das sauer aufstößt?!

Der Autor gibt dann im Nachwort eine halbherzig gesellschaftskritische Erklärung für seine Themenwahl. Im Laufe des Buches hat mir das allerdings schmerzlich gefehlt. Die Täter kommen nicht ungeschoren davon – so viel verrate ich einfach mal, hoffe ich doch, das dieses Buch von niemandem sonst gelesen wird ;) Allerdings sind die Charaktere zu flach, um der Geschichte Tiefgang zu geben. Die Erniedrigungen junger Frauen an denen die Protagonisten beteiligt sind, scheinen diese völlig kalt zu lassen. Nicht eine einzige der Figuren hat genügend Mehrdimensionalität um ihre eigenen Handlungen zu hinterfragen. Diese Schwäche in den Charakteren versucht der Autor damit zu umgehen, dass er die Protagonisten in die Oberschicht verlegt – denn dort ist ein solches Verhalten an der Tagesordnung?!

Der soziale Stand der Protagonisten nimmt der Geschichte zusätzlich die Anbindung an die Realität. Als Mitglied der Mittelklasse fühlt man sich nicht angesprochen, wenn von Ober- oder Unterschicht die Rede ist – traut ihnen aber gleichsam viel an sozialem Fehlverhalten zu. So depersonalisiert der Autor das Problem, welches er eigentlich erörtern wollte. Und verfehlt somit seine Zielsetzung für den Roman völlig. Was zurück bleibt ist lediglich ein Buch in dem Vergewaltigungen vorgeführt werden, als wären sie ein neuer Jugendtrend.

Meine Empfehlung: Finger weg! Dieses Buch ist nichts als gute PR für Vergewaltiger. Sowas musst Du Dir nicht ins Regal stellen. Es reicht schon, dass ich das getan habe.

9 Gedanken zu “/rɪˈvjuː/ Rohypnol

  1. Danke für die Warnung. Das Thema an sich ist ja ziemlich subversiv, was sehr gut werden kann. Ich verweise nur auf den alten Falko-Song “Jeany”, in der auch aus Sicht eines Vergewaltigers/Kindermörders berichtet wurde. Das ging mir damals richtig unter die Haut.

    • Oh ja, das Lied macht mir auch unglaubliche Gänsehaut, aber ganz sicher keine wohlige ;)

      Ich denke, wenn der Autor es schafft authentisch zu sein und sich nicht nur als Schock-Autor profilieren will, dann hat dieses Thema ein unglaubliches Potential. Schließlich ist es für den Normalbürger unfassbar, was im Kopf eines solchen Menschen vorgeht.
      Ich finde der Film “Der freie Wille” schafft es bis zu einem Punkt ein realistisches Portrait zu zeichnen. Trotzdem hätte ich mir danach am liebsten den Kopf vor die Wand gehauen, um zu vergessen was ich gesehen hatte – es war unglaublich verstörend.

  2. Grüß dich Katarina!

    Vergewaltigung als neuer Jugendtrend – hoffentlich nicht?!? (hab selbst eine Tochter im Teenageralter)
    Wie bist du denn zu diesem furchtbaren Machtwerk gekommen?

    LG, Sabine

    • Ich hab’s wegen des Covers gekauft, ohne den Inhalt zu kennen. Klingt erstmal naiv – ist aber typisch Katarina.
      Ich hatte erst vor es nicht zu lesen, aber da ich mich durch Alice Sebolds Autobiografie Lucky schon mit dem Thema auseinandergesetzt hatte (aus Sicht eines Opfers), hatte ich gehofft, dass die Täterperspektive vielleicht ein wenig Aufschluss über die Psyche eines solchen Verbrechers gibt.
      Leider will der Autor von Rohypnol wohl nur schockieren und daher lohnt sich die Lektüre auch nicht – ich war sehr enttäuscht und auch ein bisschen verstört von diesem Buch.

      Mal so nebenbei: Im Nachwort schreibt der Autor, das es wohl so eine Bewegung in Australien gibt, in der junge Männer Mädchen betäuben und dann abschleppen. Diese Leute scheinen in Gruppen organisiert vorzugehen und es ist schwer sie dingfest zu machen, da sich die Opfer gar nicht oder nur vage an den Tathergang und die Täter erinnern.
      Erschreckend ist sowas(!!!), da freue ich mich richtig, dass ich mich nach dem Abi dafür entschieden hab nach GB zu gehen und nicht, wie viele meiner Mitschüler, ein Jahr in Australien zu verbringen.

  3. Hallo liebe Katarina,
    puh das ist ja ganz schön heftig!!! Ich selbst lese ja auch heftigste Thriller, aber das sind Romane, mit meist mehr oder weniger schlüssigen Ausgang. Lt. deiner Beschreibung (übrigens ein sehr guter kritischer Bericht) klingt Rohypnol für mich mehr als fraglich. Ich wäre nach dem Lesen sicher auch verstört, also lass ich lieber die Finger weg :-(
    Grüß dich lieb,
    Damaris
    Ach ja, was ich noch sagen wollte, dein neuer Blog ist im Google Reader u. in der Blogger Liste namenlos. Da steht nur “Die Bücherphilosophin schrieb auf “, also ohne Blognamen. Ist das Absicht? :-)

    • Es gibt eine Auflösung, aber ich hatte beim Lesen das Gefühl für dieses heftige Thema, ist sie zu platt. Schocker sollten sich auf Mörder oder Psycho-Killer oder so beziehen, aber nicht auf Vergewaltiger. Da braucht es eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema, wie zum Beispiel in “Lucky” von Alice Sebold.
      Aber vielleicht ist das auch teil des Tabus, das bei diesem Verbrechen herrscht, und was auch die Täter mitschützt, und die Gesellschaft sollte damit anfangen es abzubauen. Insofern hätte Andrew Hutchinson einen Beitrag dazu geleistet, nur leider wirken die Figuren zu selbstgefällig, um abschreckend zu sein. Bleib lieber bei deinen Thrillern :)

      Zum Google Reader Problem: Nein, eigentlich ist das keine Absicht. Ich werde mal schauen, woran es liegt und ob ich das ändern kann. Danke, für den Tipp – ich hätte es sonst nicht mitgekriegt ;)

  4. Hallo Katarina!

    Dir hätte der Aufdruck “Hardcore” schon zu denken geben sollen, obwohl man aus der Geschichte sicher viel rausholen könnte und obwohl ich von Vergewaltigungen eigentlich nichts lesen mag, wäre es total interessant, ein Blick auf die Psyche so eines kranken Menschen zu werfen. ;-)

    Dass es in Australien so arg zugeht, wusste ich gar nicht. Sei froh, dass du in Europa geblieben bist. :-)
    Und das Lied “Jeanny” von unserem genialen Falco (komme ja auch aus Österreich) hat mir früher immer einen Schauer über den Rücken gejagt. Das sagt übrigens Wikipedia dazu:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Jeanny

    LG, Sabine

    • Ja, Heyne “Hardcore” – allerdings ist das auch der Verlag in dem Matias Faldbakken seine Romane veröffentlicht und die sind zwar extrem, aber ganz klar nicht ernst gemeint und man kann beim Lesen total über die überzeichneten Charaktere lachen.
      Nun hab ich daraus gelernt und werde mich nicht mehr von Covern verzaubern lassen, oder es zu Mindest versuchen ;)

      Der Film “Der freie Wille” für den Jürgen Vogel bei der Berlinale ausgezeichnet wurde beschäftigt sich mit einem ähnlichen Thema (hab ich oben schon mal erwähnt), macht das aber irgendwie gekonnter. Obwohl ich den Film auch nur mit Mühe fertig gucken konnte und eigentlich nie wieder sehen will.

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